Start USA Idaho Im Wilden Westen (Idaho) die innere Ruhe finden

Im Wilden Westen (Idaho) die innere Ruhe finden

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McGown nahe Stanley © Idaho Tourism
McGown nahe Stanley © Idaho Tourism

Klappernde Hufe wirbeln trockenen Wüstenstaub auf und eine Reihe von Pistolenschüssen überlagert das Kriegsgeschrei der Indianer: Das ist das Bild, das Hollywood vom Wilden Westen zeichnet. Gleichzeitig beschreibt es ziemlich genau was Idaho nicht ist.

Im US-Bundesstaat regiert die Wildnis, die Natur, die Ruhe. Mitten im Wilden Westen herrscht eine naturverbundene Gelassenheit, die ganz und gar nicht zum Stereotyp des amerikanischen Westens passt und genau deswegen den Staat so sehenswert macht. Die Uhren ticken hier langsamer und sind mancherorts sogar stehen geblieben. Wir haben uns nach Idaho begeben, um im Wilden Westen die innere Ruhe zu finden.

Meditation bei 100 km/h

Zugegeben, zu Beginn scheint diese Ruhe noch in weiter Ferne zu liegen. Als wir am Schalter des Flughafens von Boise unseren Mietwagen abholen und den röhrenden Motor starten, scheinen wir uns schon direkt zu Beginn unserer Reise von der Ruhe zu verabschieden. Nach einer Stunde Fahrt und den ersten Meilen auf dem Tacho, werden wir schnell eines Besseren belehrt. Alleine die Fahrt durch den Bundesstaat ist meditativ. Kilometerlange Highways führen durch die Landschaft. Durch trockene Prärie, in der hie und da ein Bewässerungssystem grüne, kreisförmige Oasen erschafft, vorbei an Hügeln, Wäldern und Bergen. Idaho besitzt flächenmäßig den höchsten Anteil an Wildnis in den kontinentalen USA und das spürt man. Es fühlt sich an, als würde man die Natur zum ersten Mal entdecken. Als gehörte man selbst zu den Pionieren, die vor rund 200 Jahren als erste Europäer das Gebiet betraten, das heute Idaho heißt – oder gar zu den Ureinwohnern, die hier einst durch die Jagdgründe streiften.

Geringe Bevölkerungsdichte

Ein möglicher Grund, so erzählt man sich hier, ist die Tatsache, dass Idaho ein vergleichsweise junger US-Bundesstaat ist und deswegen Jahrzehnte weniger Zeit hatte, sich zu entwickeln. Eine andere Erklärung liegt in der Bevölkerungsdichte, die mit nur sieben Einwohnern pro Quadratkilometer denkbar gering ausfällt (in Deutschland kommen auf einen Quadratkilometer 230 Einwohner). So kommt es, dass wir in großen Teilen Idahos meilenweit keiner Menschenseele begegnen – auch nicht auf den Straßen. Ganz egal ob es an der Einwohnerzahl oder dem Alter des Staates liegt: Es macht sich das Gefühl breit, die wirklich authentischen USA zu entdecken. Orte zu sehen, die nur wenige Menschen zuvor gesehen haben. Wir reisen als Privilegierte und in diesem Gefühl von Intimität und Exklusivität verlieren wir uns schnell. Auf dem Highway wird das Brummen des Motors zum Mantra einer meditativen Autofahrt durch den Wilden Westen und so paradox es auch klingen mag: Selten war etwas so entschleunigend wie der Tritt auf das Gaspedal in der landschaftlichen Kulisse des amerikanischen Nordwestens.

Auf dem Pferderücken ins Nirwana

Am Ende jeder Autofahrt steht ein Ziel – in diesem Fall: Sun Valley. Ja, Idaho kann auch luxuriös. Das Tal ist eine Institution in den USA und gilt als erste Skidestination Nordamerikas. 1932 ging hier der erste Sessellift der Welt in Betrieb. Nicht weiter verwunderlich also, dass von Bill Gates über Oprah Winfrey bis hin zu Justin Timberlake zahlreiche Stars ihre Winter im beschaulichen Tal nahe Ketchum verbringen – zumal schon Ernest Hemingway Stammgast in der Sun Valley Lodge war.

Gerade ist der Indian Summer im vollen Gange. Kein Flöckchen Schnee in Sicht, Skifahren ist keine Option, aber deswegen sind wir auch nicht hier. Die Blätter der Bäume Färben sich gerade in wunderbaren Herbstfarben, das Tal scheint gelb, orange und rot zu leuchten. Wo sich sonst Besucher in Skiausrüstung tummeln, haben wir Sun Valley im Herbst ganz für uns alleine. Natürlich wollen wir dabei nicht komplett auf Begleitung verzichten, denn im Wilden Westen darf besonders ein vierbeiniger Begleiter nicht fehlen: das Pferd.

Ausritt über die Hügel Sun Valleys © Idaho Tourism

Es ist früh, die Sonne versteckt sich noch hinter den Hügeln des Tals, der Himmel ist blau und klar. Man spürt den Herbst, gerade am Morgen, wenn eine frische Brise die letzte Müdigkeit aus den Augen weht und die Luft nach Tau und Laub riecht. Heute steht ein Reitausflug an – das Ziel: die Berge des Sonnentals erklimmen. Also auf den Pferderücken geschwungen und eine aufrechte Haltung angenommen, wir reiten heute Western-Style. Der Gaul heißt Dollar und wurde nach dem Dollar Mountain benannt, der im Sun Valley liegt und im Winter von Skifahrern und im Sommer von Wanderern und Bikern erobert wird.

„Das ist das größte und stärkste Pferd in unserem Stall, es zu reiten fühlt sich an wie einen Cadillac zu fahren.“, wird mir beim Aufstieg versichert. Diese Aussage sollte sich später bewahrheitet. Mühelos überquert Dollar Wiesen, Flüsse, Hügel. Es überkommt einem ein Gefühl von Freiheit, als die warme Herbstsonne über den Gipfel steigt, das dürre Gras golden aufleuchten lässt und wir geradewegs ins Niemandsland reiten. Einmal mehr sind wir Teil des ruhigen Wilden Westens, hier gibt es nur dich, das Pferd und die Natur. Der Gaul hat sicherlich mehr als eine Pferdestärke, denn der Gipfel des Berges ist schnell erklommen. Ein paar Maultierhirsche grasen in der Ferne und lassen sich durch unsere Anwesenheit nicht beirren. Wir sind angekommen, haben unseren Ort der Ruhe gefunden und ich stelle fest, dass mir dieser Wilde Westen noch viel besser gefällt, als der von Sergio Leone und Clint Eastwood.

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